Interview II   

Fragen über das Erzählen von Hemut Gollner | Die Wahrheit lügen, Studienverlag, Februar 04

HG: Warum erzählen Sie?
LM: Abgesehen von biografischen Gründen, finden sich Gründe im Alltag. Kleine Irritationen sind Auslöser meines Schreibens. Ich kann das an einem Beispiel festmachen: Kürzlich ging ich Geld abheben. Die Auslage der Bank war zugeklebt mit Plakaten, auf denen für Altersvorsorge geworben wurde. Ich stehe da und warte aufs Geld und schaue mir diese Plakate an und lese den Spruch: "Das Alter kommt oft schneller, als man glaubt." Und ich stehe da und warte immer noch auf mein Geld und denke mir, irgendetwas an diesem Satz stimmt nicht. Das Alter kommt immer schneller, als man glaubt. Das Alter kommt einfach. Wieso also hier oft? Wieso nicht öfter? Der Werbetexter hat einen kompletten Blödsinn getextet, denke ich mir. Ich versuche mich in eine Bankenlogik zu versetzen. Man will mir einreden, ich solle eine Altersvorsorge treffen. Das Alter kommt ja oft schneller, als man glaubt. Es kann also schon heute kommen. Oder morgen. Oder morgen und ein anderes Mal wieder. Oft eben. Auch öfter. Was für ein Bild ergibt sich daraus? Ein Bild des Irrwitzes. Nicht das Alter kommt oft schneller, weil es subjektiv so empfunden werden kann, sondern viele Alte kommen schneller, was objektiv stimmt. Der Werbetexter hat die Perspektiven vertauscht. Sein Spruch für Altersvorsorge könnte auch so verstanden werden: Jugend bedroht! Das Alter kommt oft schneller, als man glaubt. Verbinde ich mit dem Alter nun nichts Abstraktes, sondern stelle mir viele alte Leute vor, sind manche davon eben schneller, als man glaubt. Welche Illustration passt zu diesem Spruch? Ich sehe eine Horde von alten Leuten, die mit Krücken einem Kinderwagen hinterher jagen, um das Baby im Kinderwagen für ihre Altersvorsorge zu kidnappen. (lacht) Ich lachte, weil mir vor diesem Bild graust, ich möchte keiner der Beteiligten sein. Ich muß dieses Bild niederschreiben, um mir deutlich zu machen, wie ich überhaupt auf dieses Bild komme. Irrwitz besteht aus Realität. Auslöser für Irrwitz begegnet mir auf den unterschiedlichsten Ebenen. Die Auslöser finden nicht nur sprachlich statt, man kann sie auch sehen. Sie können in Handlung begegnen, im Missverständnis. Das irritierende "oft" während des Geld Abhebens war eine für mich typische Auseinandersetzung mit Welt, man nimmt Tagespolitik, Werbung wahr und muß Irrwitz aushalten und sich dabei unterhalten.

HG: Spontane Frage: Und existenzieller sind die Irritationen nicht? Es gibt sprachliche Irritationen, optische, Missverständnisse usw. Aber wenn Ihre Existenz, Ihre Grundlagen irritiert sind, dann ist das wohl auch ein Anlass zu schreiben?
LM: Was ist existentieller und bedrohlicher, als der Irrwitz. Es ist wohl angelegt in meiner Persönlichkeitsstruktur, daß ich mich Existenzfragen aussetze. Das ist nicht Alltag sondern Lebenshaltung.

HG: Und setzen Sie sich aus?
LM: Mehr als mir lieb ist, ich sagte, das ist Persönlichkeitsstruktur.

HG: Ich denke auch.
LM: Existenzfragen waren ja auch Anstoß für das Buch "Umarmung". Diese seltsame Figur des doppelten Königskörpers, der sterbliche und der unsterbliche Anteil usw. Das war für mich ein gefundenes Fressen, dass so ein Ambivalenzkörper inTexten von englischen Kronjuristen abgehandelt wurde. Da geht man natürlich der Idee, was projiziert eine Gesellschaft in einen König, nach. Diese Königsfigur wird also vorgeführt, letzten Endes das Problem Tod und wie man als Einzelwesen und Gesellschaft damit umgeht, wie überwindet der Mensch sein Wissen um den Tod, um weiterzumachen, um weiterzuleben. Ohne Überwindung müßte man sich ja vor Sinnlosigkeit gleich umbringen. Es gibt verschiedene Modelle, damit umzugehen, denke ich. Interessant war's zu sehen, wie sich das quasi gesellschaftspolitisch umsetzt, diese Idee von Kreislauf, die Idee von Wiederkehr, die Idee vom ewigen Leben, also die Versuche, den Tod auszutricksen. Es ist ja alles nur auf Spekulation aufgebaut und darauf, das Spekulationsgebäude mit so viel Logik wie möglich zu stützen. Und da gab es eben diese Figur des double-body of the king, den Ernst H. Kantorowicz seziert. Ich fand es unheimlich und interessant, daß es einen politischen Körper gibt, unsterblich und alterslos, und einen sterblichen zweiten Teil. Der König als Mensch und der König als König (Königreich). Wenn der König stirbt, stirbt nur der sterbliche Teil, der andere, das geselleschaftliche System verkörpernd, bleibt. In diese Hülle konnte man dann das nächste sterbliche Menschlein hineinschieben. Was mich an der Sache dann stutzig gemacht hat, war, die Wertigkeit; dass nämlich der sterbliche Teil des Körpers von geringerem Wert ist als der unsterbliche. Das hat mich erinnert an den "Geringsten Körper des Verurteilten", ein Aufsatz von Michel Foucault im Buch über die "Geburt der Gefängnisse". Foucault beschäftigt sich mit dem Phänomen, dass die furchtbaren Schauprozesse, dieTodesmartern, in drei Jahrzehnten, in ganz Europa aufhörten, schlagartig. Die Macht zeigte sich in der Durchdringung des zum Tode verurteilten Körpers durch langsame, qualvolle, öffentliche Ermordung. Diesen geringsten Körper stellen wir alle dar, wir sind die Zugerichteten, die Verletzlichen und die, die sterben werden, und die, die nicht wissen wie, und irgendeine Lebensweise zu finden versuchen müssen, mit der das Leben gelingen kann. Wir sind aber auch die Könige, wir richten in unseren Wirkungsbereichen andere zu. Die Macht des Souveräns hat sich verteilt. Ich will niemand sein, aber man ist jemand. Man verkörpert. Und wirkt. Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik gibt ungefähr preis, wie irritierend ich Leben finde.

HG: Sie erzählen aus Irritation...
LM: Ich benütze Irritationen, um sie weiterzudenken, recherchierend oder fiktionalisierend, wahrscheinlich um sie wegzudenken, indem ich sie mir ausdenke.

HG: Ist das mehr philosophische Arbeit oder poetische? Und führen einen Fiktionen, Figuren dabei wohin, wo man sich gar nicht vermutet hat?
LM: Kann man philosophische und poetische Arbeit trennen? Das Anziehende an der Fiktion ist, dass sie mir Freiraum lässt. Sie erlaubt die Freude am Spielen; zu schauen, was ist in den vorgegebenen Dingen drin? Was kann ich machen mit diesem Gefundenen (z.B. mit dem doppelten Körper)? Dann fängt das Sammeln von dazupassenden oder bloß anders abgebildeten Elementen an, und irgendwann einmal taucht alles so in die Sprache ein, dass man die Komposition einfach hinschreibt. Dieses Schreiben gehört zu meiner Lebensweise, ist weniger Plan aber Absicht. Ich glaube, ich will mir Welt heran-erdichten, etwas verstehen und verständlich machen. Aber was ist das schon. Die Wirklichkeit entzieht sich ja ohnehin. Ist ja alles nur Entworfenes. Insofern finde ich Fiktion ehrlich und wahrhaftig.

HG: Man wirft eine Figur aufs Papier, die marschiert dann. Kann es sein, dass sie auch ihrem Autor etwas zeigt? Kann es sein, dass Fiktion die Realität verstehen hilft?
LM: Es ist nicht so, dass ich eine Person mir etwas erklären lasse. Eher ist es so, dass ich mir eine Situation genauer anschauen gehe, im Kopf. Es ist letzten Endes eine Kopf-Geschichte nach der anderen, die ich entwerfe, auch wenn das dem Zeitgeist nicht passt.

HG: Ich frage immer auch nach einer Tendenz, die sich unter Österreichs jungen Erzählern ausmachen lässt – es sind tatsächlich vor allem männliche Schriftsteller – nach einer Tendenz zu vergleichsweise "reinem" Erzählen, einem Erzählen jedenfalls, das die Erzählskepsis der sprachkritischen Avantgarde genauso über Bord wirft, wie sie die Verpflichtung auf die Faschismusbewältigung nicht mehr anerkennt; ein Erzählen möglichst ohne Autobiografie und Ideologie, das ohne Behinderungen und Belastungen die weite Welt wieder auserzählen will. Wir wissen, das ist nur relativ möglich.
LM: Mir ist aufgefallen, dass es in Deutschland die sogenannte Fräuleinliteratur gibt. In Österreich wäre das dann die Männleinliteratur? Vielleicht liegt das bei der Rezeption, oder bei den Lektoraten, oder bei den Agenten. Man müsste das literatursoziologisch untersuchen. Wo verlegen diese Autoren ihre Bücher? Gibt es österreichisches Männleinwunder?

HG: Und es gibt narrative Parallelen zwischen den deutschen Fräulein und den österreichischen Männlein? Es fehlt ja bei uns nicht an jungen Frauen in der Literatur, nur kenne ich kaum welche, die mit ihrer Erzählweise in die beschriebene Tendenz passen.
LM: Es gibt einfache, marktstrategische Überlegungen. Wie will ich als Autor durchkommen? Das fördert Erzähltechniken, die dem Leser entgegenkommen. Spannend finde ich, dass das in Österreich offenbar eher auf Männer zutrifft und in Deutschland auf Frauen, wo die Medien die Literatur von "rein erzählenden" Frauen als Fräuleinliteratur titulierten.

HG: Ich bin sehr unsicher bei dieser Unterscheidung. Aber noch einmal zurück zu Wirklichkeit und Sprache: Die objektive Wirklichkeit gibt es nicht; sie laufen ihr daher mit der Sprache in Ihren Büchern auch nicht nach. Sondern?
LM: Wie gesagt: Ich versuche mit der Sprache, Irritationen für mich zu aufzuklären; ich versuche zu verstehen, was ich nicht verstehe; Welt zu klären. Mit jedem Ich, das ich in jedem Text schaffe, schaffe ich Welt; Ich ohne Welt gibt's nicht.

HG: Ich möchte noch ein bisschen in Richtung Erzähltheorie fragen. Wieso erzählen Sie und schreiben nicht z.B. Gedichte?
LM: Möglicherweise werde ich Gedichte schreiben. Ich weiß nicht, wohin sich mein Schreiben entwickeln wird. Ich glaube aber nicht, dass ich mit Prosa ende. Wenn ich für mich versuche, Irritationen zu klären, also zum Bild vorzudringen, das Bild zu erreichen, dann könnte ich mir vorstellen, dieses Bild zu verwandeln und dabei zur Gedichtform zu kommen; wenn ich dieses Bild habe, es sehe, als Erklärtes, Verstandenes, Fertiges, Geschlossenes, dann form ich es und form ich es und form ich es und form ich es und form ich es und form ich es, weil mir lyrische Formen und lyrisches Formen Freude bereitete. Vorher nicht.

HG: Können Sie mir mit einem Beispiel für so ein Bild helfen?
LM: Nein. (Lacht.) Nein, das kann nicht gehen, das kann nicht gehen. In einer "unveröffentlichten" Geschichte bin ich zu einer Form durchgedrungen, von der ich meine, dass sie sich selbst durchdringend ad absurdum führt. Aber es ist ein ganz anderes Prinzip als bei "Umarmung". Ich denke, sie ist für den Rezipienten überschaubarer als "Umarmung". Es kommt nicht von ungefähr, dass mir lauter solche Geschichten einfallen.

HG: Und was bleibt von der Aussage über, wenn die Form sich ad absurdum führt?
LM: Ich frage mich, was die Aussage überhaupt sein soll, ich kann keine Aussage bilden.

HG: Aber es gibt einen Inhalt, wenn etwas Form hat.
LM: Für mich ist es ein Staunen, das sich ergeben kann. Und wenn ein Staunen nach Lektüre übrig bleibt und ein anderer Blick plötzlich aufgeht, mit dem man etwas sehen kann, was vorher nicht so gesehen werden konnte, dann hat für mich Literatur ihr Ziel erreicht. Ich verlange auch von Literatur anderer, dass sie mir ein tieferes Verständnis von Welt eröffnet.

HG: Haben Sie Namen dafür?
LM: Ingeborg Bachmann hat in zwei verschiedenen Formen das Thema Sprache behandelt. Einmal in der Erzählung "Alles", die finde ich großartig, und sie war für mich eines meiner ersten wichtigen Leseerlebnisse. Der Illusionsentzug , den die Geschichte bei mir bewirkte, war für mich wie eine Befreiung. Man weiß ja, dass alles verlogen ist. Und dann habe ich das Gedicht "Ihr Worte" gelesen. Und das finde ich furchtbar, das hat mich angekotzt, dieser pathetische Ton, den ich nicht aushalte. "Ihr Worte, auf, mir nach", so beginnt das Gedicht. So kann man mit mir nicht reden. (Lacht.) Ich glaube, ich weiß, was mich stört am pathetischen Ton, er erlaubt es, ungenau zu sein und das mag ich nicht. Für die Erzählung "Alles" bin ich dankbar.

HG: Beeindruckt in dieser Erzählung hat Sie, dass der Vater erkennt, dass die Sprache alles Übel enthält und das Übel also jetzt auch für seinen kleinen Sohn mit dem Spracherwerb beginnt, oder dass sich der Vater am Schluss in Sprache und Welt fügt, weil er Liebe will?
LM: Ich war damals noch jung, und mir war von Sprachtheorie noch gar nichts bekannt. Ich fand es damals einfach großartig, dass sich jemand traut, Kindstod darzustellen, dass sich jemand traut, in eine Situation hineinzuschreiben, die sprachlos macht, dass jemand eine Grenze überschreitet. Als Befreiung empfand ich diese Möglichkeit der Sprache, in ihr alles zu sein, was man will; und auch diesen Perspektivenwechsel, ein Frau schreibt als Mann, habe ich als Befreiung empfunden. Das war für mich die Herstellung der Rollengleichheit.

HG: Was muss ein Stoff haben, dass er für Sie erzählenswert oder erzähldringlich wird.
LM: Ein Stoff beginnt mich dann zu interessieren, wenn er etwas Fremdes und Befremdliches für mich hat. Das erzeugt eine Spannung, die mich reizt, hineinzugehen.

HG: Das Ziel der Schreibbewegung ist dann, dass das Fremde vertraut ist?
LM: Es ist eine Form der Bewältigung. Der Weg zu dieser Bewältigung entsteht erst während des Schreibens. Bewältigung ist für mich Verstehen.

HG: Dann geht's Ihnen nach einem Buch besser als vorher?
LM: Nur wenn es ein Bestseller wird. Ansonsten: Es hat sich nichts geändert, aber ich verstehe anders.

HG: Wenn Sie auf Ihre Büchern zurückblicken: was finden Sie darin an Persönlichkeitskonstanten?
LM: Dass ich zur Ironie neige und da sehr weit gehe. Das mögen viele Leute nicht, das wird ihnen zu drastisch.

HG: Mir fällt noch eine Konstante ein: Ihre Radikalität und die Ihrer Figuren.
LM: Ja, das stimmt. Meine Figuren gehen an die Wurzel und sie geben nicht nach.

HG: Normalerweise ist es ein Zeichen für Qualitätsmangel, wenn ein Buch oder seine Handlung beliebig erscheint. Ich frage nach der sogenannten poetischen Notwendigkeit in Anlage, Figuren, Abläufen. Woher kommt das Zwingende in Ihren Büchern?
LM: Es gibt einen Schreibdruck.

HG: Jemand ist verliebt und schreibt unter dem Druck seiner Gefühle Tagebuch. Aber das ist ja noch keine Garantie für Qualität im Sinn einer poetischen Notwendigkeit.
LM: Die Frage nach der poetischen Qualität kann ich nicht beantworten.

HG: Ich ziehe die Frage zurück. Sie ist ja tatsächlich die Frage: Was ist Poesie? Was ist Kunst? Lieben Sie Ihre Figuren?
LM: Unbeantwortbar. Ich frage mich viel mehr, lieben meine Figuren mich.

HG: Lieben sie das Leben?
LM: Liebt das Leben mich? Ich persönlich finde meine Figuren befremdlich und daher interessant. Auch das Ich ist eine Figur! Julia Kristeva hat ein Buch geschrieben mit dem Titel "Fremde sind wir uns selbst". Da geht es kulturgeschichtlich, strukturell um den Umgang mit dem Fremden. Der Moment des Erstkontakts zwischen Menschen enthält ein bedrohliches Potential. Ich weiß nicht, ob mir Freund oder Feind gegenübersteht. Ein großartiger Moment der Freiheit. Die Begegnung mit meinen Figuren hat etwas Vergleichbares.

HG: Und tun Ihre Figuren, was Sie wollen?
LM: Meine Figuren tun, was sie wollen. Sie können sich entwickeln, sich darstellen regelrecht, sie können sich erfinden. Wenn sie eine fixe Identität haben, dann gibt es auch eine Logik ihres Wegs. Darauf wickelt sich dann eine Geschichte ab. Die muss deswegen aber nicht linear sein.

HG: "Erzählen heute": Spielt der Gedanke eine Rolle für Sie? Hat die Gegenwart besondere Erzählbedingungen? Was muss eine Erzählung haben, damit sie in der Gegenwart bestehen kann? Die Welt hat sich verändert, vielleicht haben sich die Kommunikationsformen verändert.
LM: Ich greife nach den Dingen der Gegenwart und benütze die Technik der Gegenwart, um einen Text mit meiner bewußten und unbewußten Wahrnehmung von Gegenwart zu erschreiben. Ich bin ein Subjekt der Gegenwart, ich kann nach dieser Ketch-up-Flasche oder nach diesem Pfefferstreuer greifen, die haben Geschichte in sich, aber was bedeutet diese Geschichte - Kommerz, Ausbeutung, Karawane. Ein Kafka könnte eine Geschichte von Substanz und existentieller Dichte erschreiben, man lese nur den Kübelreiter.

HG: Ich habe noch Schwierigkeiten mit Ihrem Begriff des Bildes.
LM: Das ist klar, denn sonst würden Sie denken und schreiben wie ich. Ich versuche es verständlich zu machen. Das ist unmöglich, denn da muss ich, was ich nicht verstehe, verständlich machen. Wenn ich meine Literatur erklären könnte, dann würde ich über meine Literatur schreiben und nicht meine Literatur schreiben. Aber vielleicht geht's, wenn ich die Entstehung des Bildes vom Schreiben, von der Schreibarbeit, ins Akustische setze. Man sieht nichts, man hört ein Geräusch und weiß nicht, was das ist, woher es kommt, es hört aber nicht auf, auch wenn alle Fenster geschlossen sind und es objektiv still ist, man hört das Geräusch trotzdem, und es geht nicht weg, bis man sich daran gewöhnt hat. Dann vergehen ein paar Jahre, man ist irgendwo, und plötzlich hört man dieses Geräusch wieder. Was ist das? Was steckt dahinter? Und nun geht man diesem Geräusch nach, weil man merkt, man wird es nicht los. Und irgendwann einmal hört man, aha, das ist ja nicht nur ein Geräusch, das ist ein Ton, wenn ich ein bisschen genauer hinhöre, und wenn ich noch genauer hinhöre, kommen mehr Töne und noch mehr Töne dazu. Dann kann man sich fragen: Was wird das weitere Hinhören ergeben? Was wird aus diesen Tönen entstehen? Eine Symphonie oder eine Kakophonie? Wie hört sich das im Gesamten an? Und dann merkt man, aha, mit meinen Ohren komme ich noch nicht so weit, ich muß genauer hören. Wenn man dranbleibt, wird es weitergehen, das weiß man auch.

HG: Verstehe ich richtig? Das Geräusch ist sozusagen die Ausgangsirritation, die sich durch zunehmendes Hinhören allmählich klärt und dann vielleicht zu einem Bild wird?
LM: Nein, ich bin kein Maler. Ich habe einen Begriff transponiert. Wenn ich das Wort Irritation umlege auf Akustik, dann klingt die Irritation wie ein befremdliches Geräusch, ich möchte wissen, was da raschelt, und dann ist es gar kein Rascheln, was ich hörte, dann ist es ein Blatt Papier "kein Laub" ein Papier, das umgeblättert wird, und dann hört man, aha, da ist vielleicht ein ganzes Orchester bei einer Orchesterprobe dahinter, das wär doch schön, nicht? Wie schaut das Orchester aus, wenn ich es mir optisch gebe, und wie hört sich das an, wenn ich es mir akustisch gebe? Ich greife auf die Schrift zurück. Wahrscheinlich symptomatisch. Schreiben ist für mich verstehen mit allen Sinnen.

HG: Ich frage noch einmal in Richtung der genannten Tendenz unter den jungen Erzählern: Sie wollen sich das Erzählen von Welt durch nichts einschränken lassen, weder durch Sprachkritik noch durch Vergangenheitsbewältigung noch durch die Aufdringlichkeit des Ichs...
LM: Alles ist zulässig, wenn es gut ist.. Die Verpflichtung auf Linearität wäre eine Einschränkung für mich. In "Umarmung" ist die Auflösung von Figuren-Linearität Konstruktionsprinzip: bei der Auflösung von Identität ganz logisch. Wenn man sich selbst durch nichts einschränken lassen will, muß man halt aufpassen, daß man nicht furchtbar banal wird und für Deja-vus beim Leser sorgt.

HG: Sozialkritische Absichten?
LM: Ich hab kein sozialkritisches Programm, sonst wäre ich Journalist oder Politiker geworden. Aber natürlich bildet sich die kritische Haltung, die man hat, sozialkritisch ab.

HG: Ihre Radikalität, die ich für mich als Qualitätszeichen führe: Woher kommt die?
LM: Ich bin neugierig.

HG: Eine allgemeinere Frage: Es wird wieder mehr erzählt oder mehr Erzähltes verlegt, es gibt eine freundlichere Rezeption für das Erzählen. Entspricht das auch Ihren Beobachtungen?
LM: Ja, ich habe schon das Gefühl, daß das stimmt. Die Kritiker sind faule Leser, die wollen nett unterhalten sein, sich in den Stoff einkuscheln, den sie schon hundert Mal gelesen haben, und dann heißt es: So funktioniert das Erzählen Um schwierigere Bücher reißen sich Kritiker nicht, da fühlen sie sich zerrissen.

HG: Wie war das Echo auf "Umarmung", ein schwieriges Buch?
LM: Extrem gespalten. Mindestens so gespalten, wie die Personen im Buch. Es ist interessant für mich, wie man mit Befremdlichkeit umgeht. "Umarmung" ist ein befremdliches Buch. Wem es an Sinn für Irrwitz fehlt, dem wird kein Vergnügen gelingen.

HG: Haben Sie eigentlich mit der Sprach- und daher Erzählskepsis etwas am Hut, wie sie z.B. aus der Wiener Gruppe kam?
LM: Ich verwende alles und jeden.

HG: Alles und jeden?
LM: (Lacht.) Alles, was in Sprache umgesetzt werden kann.

HG: Gut. Ist alles gesagt, was Ihnen wichtig ist?
LM: Nein. Ich habe noch nie alles gesagt, was mir wichtig ist. Erstens ändern sich die Prioritäten, zweitens ist die Welt für mich ein Irrwitz, er ist überall und ich höre seinen sirenenhaften Ruf, Mischkulnig, komm heraus, du bist umzingelt, deshalb schreib ich möglicherweise.