Interview V   

Von Johanna Wohlfahrt | Pingeb.Org, Oktober 2016

JW: Romane, Kurzgeschichten, Erzählungen – Sie wechseln viel zwischen den Prosagenres. Welches Genre ist für Sie das Forderndste – und weshalb?
LM: Jede Geschichte verlangt ihre Form und sucht ihren speziellen Ton und ihr eigenes Tempo, Die Leichtigkeit ist eine schwere Übung, die Ironie eine ernste Angelegenheit. Ein Roman hält mich länger am Schreiben als eine Erzählung- jedoch kann das Ausdenken gleich viel Zeit abverlangen. Die Paradiesmaschine ist eine Komposition aus Erzählungen - manche sind parabelhaft.

JW: Die „Paradiesmaschine“ thematisiert mE viele gesellschaftspolitisch aktuelle Themen – vom Flüchtlingsthema über Globalisierung und prekäre Arbeitsverhältnisse bis hin zu feministischen Fragestellungen. Was ist es im Kern, das Sie bei der Themenwahl antreibt? Was möchten Sie als Autorin wissen bzw. darstellen?
LM: Die Sinne sind Gravitationszentren der einstürzenden Informationsflüsse, die faserhafte Weltsplitter ausschütten und mich mit der Fülle konfrontieren. Das Chaos schreit nach Ordnung und so suchen wir den Kern: Gesellschaft, Politik, öffentlich, privat, intim. Literatur lässt sich bei mir nicht rubrizieren. Welt, Gesellschaft, ich selbst, wir richten dauernd eine Unordnung an - es ist ein physikalisches Gesetz. Diesen Wahnsinn versuche ich mit Sprache zu fassen und in Geschichten zu bändigen. Vielleicht ergibt die Suche nach dem Kern - den es ja nicht gibt, weil er auch nur ein faserhaftes Etwas aus allem Möglichen ist - eine Pudelgeschichte.

JW: Wie schaffen Sie es, Ihre Sprache so frisch und klar zu halten?
LM: Beim Schreiben gibt es einen Punkt, wo sich die Geschichten in Skulpturen verwandeln, die eine klare Form haben, in sich stimmig sind, und sich verlebendigen - wenn meine Buchstaben diese Wirkung beim Leser erwecken, kommt die Sprache frisch und klar daher , vielleicht.

JW: Sie sind schon lange im Literaturbetrieb und offenkundig eine Vielschreiberin. Wie gelingt es Ihnen, die Leidenschaft fürs Schreiben nicht zur Routine verkommen zu lassen?
LM: Vielschreiber ist Handke. Ich bin das nicht - würde gern mehr und schneller schreiben, weil es eine Lust ist, mit Sprache zu formen und zu komponieren. Da Weltliteratur Aufschlüsse über die Erfahrungen des Menschseins speichert und nicht aufhört zu wirken, ja die Welt - und die Zeitläufte uns auch überraschen - gibt es Halt nur im Schreiben und Lesen. Ich bin einfach neugierig, auch weil wir Menschen immer die gleichen Fragen haben.

JW: Sie lesen Ende Oktober im Musilhaus in Klagenfurt. Was verbindet Sie noch mit Ihrer Geburtsstadt bzw. mit Kärnten?
LM: Meine Familie und die Literatur und der See.