Laudatio zur Verleihung des Johann Beer Literaturpreises an Lydia Mischkulnig 

Karin Fleischanderl

Eine Frau arbeitet an einem Aufsatz zum Verhältnis von Ökonomie und Pornografie und landet in den Fängen einer Kosmetikerin. So lautet in extremer Verknappung die Inhaltsangabe von Lydia Mischkulnigs titelgebender Erzählung "Die Paradiesmaschine". Die Protagonistin, besagte Autorin, verlässt ihre schlecht geheizte Wohnung und begibt sich in die Elektronikabteilung eines Warenhauses, drei Haushaltsgeräte haben gleichzeitig den Geist aufgeben und müssen ersetzt werden. Doch traumwandlerisch – zerstreut würde Henri Bergson sagen –, wie von unsichtbaren Fäden gezogen, treibt es die Frau hinaus aus dem Geschäft und hinein in die Innenstadt, wo ihr ein schönes junges Mädchen auf den Stufen eines Ladens ein Geschenk hinhält: einen Tiegel Creme. Und nun beginnt die Geschichte einer ganz besonderen Verführung, die von der Autorin Lydia Mischkulnig nicht als abstrakter Begriff, sondern ganz konkret und buchstäblich in Szene gesetzt wird. Iris, so der Name der Kosmetikerin, bearbeitet Doris’ Hände, tupft, feilt, massiert, arbeitet sich hoch zu Doris’ Gesicht, glättet und strafft. Dosen, Tuben, Ampullen und Töpfchen mit goldenen Deckeln versprechen das Blaue vom Himmel, kosten allerdings ein Vermögen – ungefähr soviel wie die drei kaputtgegangenen Haushaltsgeräte. Zielsicher setzt sich Doris über ihre mehrmals behauptete Sparsamkeit hinweg, greift zu und landet, als die Cremen ihrer Haut nicht die ersehnte Spannkraft, sondern vielmehr Juckreiz bescheren, zur Therapie am Toten Meer. Dort ist sie endlich eins mit der Materie, beziehungsweise, so der Schlusssatz, sie ist "die aufgelöste Moral."

Mit einer ähnlichen Anordnung, wenn auch unter anderen Vorzeichen, hat man es in der Erzählung "Kuss" zu tun. Eine junge Frau, eine Engländerin diesmal, macht sich bereit für einen Wochenendausflug. Man erfährt ein wenig über ihre Vergangenheit: sie hat eine Zeitlang in London gelebt, hat sieben Geschwister, die über die ganze Welt verstreut sind, ihre Mutter ist früh verstorben, den Vater hat sie nie kennengelernt. Doch offenbar läuft es gut für sie, sie ist Musikerin, erfolgreich, ihr Freund hat zwar eine Firmenpleite hingelegt, doch nun ist er ihr Manager. Gemeinsam ist man im Cabrio unterwegs aufs Land, das gewürzte Fleisch liegt auf dem Rücksitz, die Gastgeber sind offenbar freundlich, die anderen Gäste sympathisch, man geht daran, das Abendessen zuzubereiten und einen angenehmen Abend zu verbringen. Doch dann fällt ein Satz, der alles zunichte macht und die Erzählerin in die Flucht treibt, denn er gilt ihr: "Eine Negerin schläft nicht unter meinem Dach."

Lydia Mischkulnig erzählt vom Einbruch und Ausbruch des Triebhaften, des Lustvollen und des Bösen, das die glatte und dünne Oberfläche der zivilisatorischen Moral stört und sie zum Einbruch bringt. Sie tut dies in kurzen lakonischen Sätzen, genau beobachtend und beschreibend, mit merkwürdigen, manchmal schrägen Bildern, schnell und temporeich. Ihre Erzählungen sind witzig und irritierend zugleich, geheimnisvoll. Lydia Mischkulnig kommt schnell zur Sache, erspart dem Leser verbindliche und abschwächende Worte. Auslassungen schaffen eine eigene Logik, stilistische Sprünge sorgen für Komik. Sätze wie eben die von der "Negerin" werden nicht vorbereitet, nicht angekündigt oder kommentiert, sie sind ein Schock. Das Fremde, das Andere hockt in diesen Erzählungen immer gleich um die Ecke, man wähnt sich in Sicherheit und schon ist es da.

Wie der Heuschreck, der sich an der Fensterscheibe eines Büros gelandet ist. Offenbar ein Futtertier, im Zimmer gegenüber sitzt ein Leguan im Terrarium, vor ihm ist er geflüchtet. Der Heuschreck ist groß und grün, grauslich, seine Augen glänzen "wie unausgelöster, noch am Stock hängender schleimiger Kaviar." Natürlich könnte die Ich-Erzählerin ihn ins Zimmer lassen und retten, doch das tut sie nicht, denn sie mag es nicht, wenn "Tiere entfesselt sind". Und dann geschieht ein Wunder: Der Heuschreck fährt einen Legestachel aus, "atmet, bläht sich auf, bis ihn die Luft zu zerreißen droht, dann sinkt er zusammen, als eine Welle durch den Körper geht und die Lamellen in Kontraktionen zum Legestachel hindrängen, aus dem plötzlich grüne, zeppelinförmige Eier in die Ritze des Fensterbrettes quellen." Der Heuschreck hat gevögelt und vermehrt sich, konstatiert die Erzählerin lakonisch, holt Staubsauger und Desinfektionsmittel und entfernt die Brut. Der mittlerweile tote Heuschreck wird in einem durchsichtigen Becher aufbewahrt. "Stille und Anblick, bloß den Geist hat er nach den Eiern aufgegeben, schade, dass so etwas passieren muss", so lautet die ironische Anti-Klimax, nachdem sich das Wunder des Lebens ereignet hat.

"So wie Mischkulnig schreibt sonst keine", hat der Kritiker Anton Thuswalnder festgestellt. Für ihren eigenen, eigenartigen Stil, dem es gelingt, die Wirklichkeit aufzubrechen und das Ambigue und Uneindeutige hervorzuholen, erhält sie heute den Johann-Beer-Preis. Ich gratuliere sehr herzlich.

kolik. zeitschrift für literatur, Band 75, Wien 2018