liebesrauschmäßig an einer zugverspätung zerschellen 

einmoderation für lydia mischkulnig von barbara hundegger

schönen guten abend, meine damen und herren, auch ich darf Sie sehr herzlich zur heutigen lesung von lydia mischkulnig begrüßen. mir wurde ja der schöne auftrag erteilt, Ihnen meine kollegin kurz vorzustellen, und dem komme ich – wiewohl es natürlich immer eine heikle aufgabe ist, in wenigen worten relevantes über jemanden zu sagen – gerne nach, weil ich, was ich von lydia mischkulnigs literarischer arbeit kenne, seit vielen jahren schätze.

"die gassen des siebentorigen thebens sind frei ... die stadt, frisch abgespritzt und ungeschminkt steigt sie in den tag und trägt die fetten mauern. ödipus’ palast. ... draußen beginnt die auftakelung zur gala, die das festspielhaus wieder zum geschenk für kritiker verschnürt.’ wir sind in theben und in einer österreichischen festspielstadt, in einem griechischen drama und im verwertungskarussell mitteleuropäischer hochkulturgebräuche, im verlogenen licht künstlicher beleuchtung und in den abgetakelten abgründen unterbelichteter künstlichkeit ... wir sind in der geübten ellenbogenclique der angeblich feinsinnigen, unter despotischen regisseuren, seichenden schauspielerinnen, fallenden günstlingen, assistentinnen, welche die schattenseiten von theater-olympioniken genießen, unter eingeweihten, versierten beobachterInnen, mitbetreiberInnen von festspielritualen, von sponsorenbuckelei und künstlerbeleckung ... die autorin lässt uns einen von sprache getragenen bösen blick tun auf den intrigantenstadl hinter der gefeierten kunst, die mit kunst freilich nichts zu tun hat, diese ganze groteske szenerie, in der es nur darum geht, wessen jeweilige niedertracht sich vorübergehend am besten verkaufen lässt."

diese sätze habe ich 1996 in einer rezension über den damals frisch erschienenen roman lydia mischkulnigs "hollywood im winter" geschrieben, es war das erste buch von mischkulnig, das ich gelesen hatte – und es hat mich nachhaltig beeindruckt und ist wegen seiner überaus vergnüglichen schärfe ein unvergessliches buch geblieben für mich. deshalb zählt es für mich auch zu den etlichen großen rätseln des (heimischen) literaturbetriebes, warum im festspiel-land österreich dieser bitterböse text über die österreichische festspiel-kulturschickeria nicht anhaltend zum kultbuch avanciert ist ...

schon mit "hollywood im winter" schrieb mischkulnig sich in eine österreichische weibliche literaturtradition ein, die ich schätze und liebe, weil sie sich sprachgenau und tabulos der gegenwart menschlicher existenz unter den bedingungen des frau-seins stellt und in ihrer so gnadenlosen wie nötigen sezierung der geschlechterverhältnisse ziemlich einzigartig ist – marlen haushofer, ingeborg bachmann, marianne fritz, elfriede jelinek, marlene streeruwitz, margit schreiner u.a. wären hier zu nennen.
und auch in mischkulnigs neuem band "macht euch keine sorgen" finden sich, obwohl in diesem buch ein vergleichsweise sehr milder ton angeschlagen wird gegenüber den menschen und ihren allerlei belangen, wiederum anklänge daran – wenn es z.b. in "brief an den circus", wo es um den altherren-witzchen-reichen buchmessen-cocktailempfang im rosengarten einer höheren haus-herrin geht, zu welchem herausgeber, juroren, kritiker, literaturnobelpreis-träger, büchnerpreis-träger sowie "von-a-nach-b-erzählerei"- und "gucci-prosa"-verfasser etc. geladen sind, heißt: "es herrschte männerüberschuss, weil die frauen zu hause bei den kranken kleinkindern waren, nur ich nicht, die einzige mutter, die die kinder im stich gelassen hatte, um den grauen alltag meiner schriftstellerinnenexistenz zu bestreiten und werbung zu machen. das hat mit literatur zu tun. ich war im affirmationsdilemma. mutter und dichterin."

das gesellschaftlich feinmaschig verlegte (kontroll-)netz vielfältiger weiblicher affirmations- und negationsdilemmata ist neben fragen der bürgerlichen zwischenmenschlichen mittelstands- und oberschichten-moral im täglichen umgang miteinander wohl eines der hauptthemen mischkulnigs – und in dieses koordinatensystem fügt sich auch ein besonders bemerkenswertes literatur-großprojekt unter dem label "tinternational textunternehmen", an dem mischkulnig gemeinsam mit schriftstellerkollegin sabine scholl arbeitet, das von den beiden 2007 in tokyo gegründet wurde und sich "böhmische bibel – unheilige schrift für puppen in 5 bänden" nennt.
darin behandeln scholl und mischkulnig als duo "parameter des subjekts der westlichen geistesgeschichte" und gehen das gleich schon mit ihrer schreib-lage, dem bruch mit der patriarchalen folie des singulären künstlergenies an: "das schreiben zu zweit im netz durchlöchert den anspruch auf alleinige erzeugerschaft. statt eines einzigen, allmächtigen schöpfers gibt es somit zwei schöpferinnen."
und weil wir hier in tirol sind und weil es ein lustiger zufall ist, dass das "1. buch" des "böhmische-bibel"-projekts das buch "FIONA" heißt, möchte ich Ihnen einen kleinen text-happen daraus nicht vorenthalten: "als fiona wieder zu sich kam – saß sie vor einem kleinen salatteller. erstaunt stocherte sie in ultraroten tomaten und extremgrünen blättern. als sie die gabel an ihren mund heben wollte, dauerte diese bewegung unendlich lange, als sei ihr arm wie gelähmt, die gabel bleischwer. dann erst fiel ihr blick auf die umgebung. wo war sie? ... fiona zitterten die knie. sie hatte genug von seltsamen erscheinungen, von spinnweben und männern überhaupt. wenn der eine schon im gefängnis saß und der andere durch den himmel von wien kreuzte, dann wollte sie wenigstens diese wunderbare wohnung nutzen ..." usw.

sehr anempfehlen möchte ich Ihnen auch jene mischkulnig-texte, die sich heterosexuellen beziehungsdynamiken widmen und sich durch den unterkühlten mut zu unschönen liebeswahrheiten auf beiden seiten des geschlechtergrabens auszeichnen – denn in der literarischen aufarbeitung jener grauzonigen gedanken und entscheidungen, die im zwischenmenschlichen tagtäglich stattfinden, ist mischkulnig eine meisterin. besonders ihr erzählband "sieben versuchungen" ist darin groß.
und auch im neuen buch gibt es von dieser sorte text einen, der "türen schließen" heißt, und mischkulnig führt uns darin vor, wie ein ganzer liebesabschiedsrausch an der stunde verspätung, die ein zug hat, in der bahnhofs-resti lautlos zerschellen kann ...

explizit hinweisen möchte ich Sie auch auf die kolumnen und stellungnahmen, die mischkulnig immer wieder verfasst – mein besonderer liebling dabei ein text namnes "heilig, heilig, heilig", in dem ein landeshauptmann in einem bärentale zwar begraben wird, aber sein mundwerk klappert munter weiter, und es ist ihm dabei nicht einmal mittels zweisprachiger ortstafeln beizukommen ...

zum schluss noch das pragmatische: lydia mischkulnig wurde 1963 in kärnten geboren, studierte ab 1981 die fächer bühnenbild und film an den universitäten für musik und darstellende kunst graz und wien sowie ab 1985 an der filmakademie wien. seit 1991 ist sie literarisch tätig in den bereichen roman, erzählung, hörspiel und hat dafür etliche auszeichnungen bekommen, darunter den bertelsmann-literaturpreis beim ingeborg-bachmann-wettbewerb, das große österreichische staatsstipendium für literatur, den manuskripte-preis oder das elias-canetti-stipendium. 2008 hatte mischkulnig eine gastprofessur in nagoya/japan, derzeit lebt und arbeitet sie in wien.
mischkulnigs bisherigen werke heißen: "halbes leben", roman, droschl/graz 1994; "hollywood im winter", roman, haymon/innsbruck 1996; "sieben versuchungen", erzählungen, deutsche verlagsanstalt/stuttgart 1998; "umarmung", roman, deutsche verlagsanstalt/stuttgart 2002; gemeinsam mit sabine scholl: "böhmische bibel – unheilige schrift für puppen in 5 bänden" (1. buch FIONA, 2. buch LIBUSE, 3. buch HERMINATOR), Wieser/Klagenfurt ab 2008; und zuletzt: "macht euch keine sorgen. neun heimsuchungen", haymon/innsbruck 2009 – und aus diesem band wird lydia mischkulnig heute auch lesen, und ich wünsche Ihnen und uns dabei nun literarisches vergnügen und einen anregenden abend.

tagung forum alpbach, innsbruck november 2009