Zur Kritik der Literaturkritik | Der Standard, 24. März 2017 

Anton Thuswaldner

"Was macht einen Schreibenden zu dem, was er geworden ist? In welcher Gesellschaft lebt der Autor, die Autorin? Literaturkritik, die sich mit einem Buch beschäftigt, ohne zu wissen, aus welcher Vorgeschichte es herkommt, bleibt halbherzig In einer ansonsten recht vernünftigen und klug argumentierenden Kritik stand einmal zu lesen, dass man einen Erzählband eigentlich nicht rezensieren könne. Man müsse sich jede einzelne Erzählung vornehmen, über das ganze Buch aber lasse sich wenig sagen. Natürlich stimmt das! Jede Erzählung bildet eine in sich geschlossene Einheit, ist ein Individuum, das sich abgrenzt von den anderen, steht für sich und will für sich genommen werden. Und natürlich stimmt das nicht! Ein Erzählband als Ganzes sagt etwas aus über seinen Verfasser und die Wirklichkeit, in der er lebt. In einem neuen Erzählband von Lydia Mischkulnig macht die Autorin nicht einmal auf Bachmann, dann auf Aichinger, um dann auf Jelinek umzuschwenken, sie bleibt immer, so sehr sich die einzelnen Erzählungen voneinander auch unterscheiden mögen, ganz bei sich. Es gehört zur Aufgabe der Kritik, das Individuum Mischkulnig ausfindig zu machen, die eben ganz anders ist als Aichinger, Jelinek und Bachmann, wenn sie diese auch gelesen und für sich verarbeitet, vielleicht gar Elemente von deren Denken in ihr poetologisches Konzept integriert hat. Eine Erzählung allein ergibt nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Wesen eines Autors, einer Autorin, ein ganzer Band aber verrät, wie jemand tickt. Und darauf kommt es an. Was macht einen Schreibenden zu dem, was er geworden ist?"

www.derstandard.at/2000054769488/Zur-Kritik-der-Literaturkritik